Stilberatung: Derek Baileys ’nichtidiomatischer‘ Stil

von Knut Holtsträter

Ohne den Gitarristen Derek Bailey würde die englische Szene der freien Improvisation deutlich anders aussehen. Seine Zusammenarbeit mit anderen Pionieren der englischen Szene wie Evan Parker zählt zu den stärksten Sachen, die man sich als Zuhörer antun kann. Sein instrumentaler Zugang zur Gitarre polarisiert wie kein anderer. Er selbst bezeichnet sich nicht als ‚Musiker‘, sondern als ‚Instrumentalist‘. Seinen Stil nennt er ’nichtidiomatisch‘, die Töne sind sehr hakelig und punktuell, er spielt kaum Melodiefolgen, die Töne ’springen‘ geradezu von einem Extrem ins andere.

Das erzeugt Klangbänder, die in sich stachelig wirken, aber dennoch statisch, weil es keine formale Steigerung gibt. Die Fremdheit seines Sound wird noch hervorgehoben, dass er mit alternativen Stimmungen und dem Verstimmen einzelner Saiten experimentiert, das alles über konventionelle Jazz-Gitarren, die er teils klar verstärkt oder unverstärkt spielt. Es klingt so, als würde ein seniler Opa auf der Veranda seinen atonalen Blues spielen. Und tatsächlich tut Bailey bei einigen Auftritten so, als ob es das Nebensächlichste und Normalste der Welt sei, so einen Krach auf einer Gitarre zu spielen.

Kaum ein Wunder, dass sein Spiel und sein Auftreten oft auf Ablehung stieß. Mein Gitarrenlehrer beispielsweise bezeichnet ihn, nachdem er obiges Video gesehen hatte, als „totalen Vollpfosten“… wobei er vielleicht recht haben könnte, oder?

Mit dem Begriff ’nichtidiomatisch‘ distanziert Bailey sein Spiel von dem Idiom des Jazz, welches er als sehr repressiv erlebt hat. Er ist, als Arbeiterkind, in der damaligen Tanzmusik groß geworden, die seiner Meinung nach für sein Instrument, die Gitarre, mehr Freiheiten erlaube als der Jazz. Die Gitarre hätte im Jazz eigentlich keine richtige Stimme, entweder reduziert sich der Gitarrist auf die Aufgabe des Akordeschrubbens oder Skalenabdudelns. Abweichendes Verhalten sei von den Jazzkollegen sofort bestraft worden. In der Tanzmusik hingegen hatte er die Freiheit in der Rhythmusgruppe Variationen zu entwickeln, um nicht nur den Solisten oder den Chorus zu begleiten, sondern die Musik selbst zu gestalten. (Seinen Schlüsselmoment hin zum freien Spiel, also die Erkenntnis, dass er auch für die konventionelle Tanzmusik unbrauchbar sei, habe er übrigens gehabt, als er bei einem Gig auf einmal alles dreimal so schnell gespielt habe.)

Der Begriff ’nichtidiomatisch‘, so wie Bailey ihn gebraucht ist natürlich schwierig, denn er bedient mit seiner Musik ein ganz anderes Idiom, das der sogenannten neuen Musik. In Interviews gibt er an, dass er Webern und ähnliche Komponisten gehört habe. Und tatsächlich findet man zwischen seinem Spiel und beispielsweise Webern Streichquartetten viele klangliche und, wenn man sie einer Musikanalyse unterziehen würde, vielleicht auch strukturelle Gemeinsamkeiten. Was den Instrumentalisten Bailey vom Komponisten Webern unterscheidet, ist sicher aber der Anspruch, völlig frei und spontan zu agieren und im Zusammenspiel mit anderen Musikern zu reagieren. Zudem sind Baileys Improvisationen zum Teil sehr lang, manche wahrscheinlich länger als alle Werke Weberns hintereinandergespielt.

Bei Bailey bleiben immer Fragen zurück, auch wenn man seine Musik (manchmal) gut findet: Hat er überhaupt eine Technik? Warum klingt das alles so gleich? Oder ist es doch unterschiedlich? Kann er überhaupt Gitarre spielen? Wird der künstlerische Anspruch der musikalischen Wirklichkeit gerecht?

Seine Mitmusiker in der englischen Szene und im europäischen Umfeld haben diese Fragen zu Baileys Gunsten beantwortet. Er war und bleibt ein Freak unter den Gitarristen, ein Initiator des westeuropäischen Free Jazz, der sich eher an Neuer Musik interessiert, und eine monolithische Gestalt für alle, die das Diktum der gitarristischen Skalenhuberei als Relikt des Jazz halten.

An ihm sieht man, dass der Jazz sich von sich selbst befreien musste, damit er frei werden kann.