Frei improvisieren – Teil 7: Wer will sowas eigentlich hören?

Der Posaunist, Improvisator und Komponist Vinko Globokar hat beobachtet, dass bei Konzerten frei improvisierter Musik die Musiker immer ganz beseelt und glücklich von ihrem Tun sind, das Publikum aber den Anschein vermittelt, als wäre es nicht so glücklich und beseelt. Für ihn besteht da ein Kommunikationsproblem, das die Musiker angehen müssten.

Ich bin mir nicht sicher, ob er da nicht einem Kommunikationsproblem anderer Art auf den Leim geht, nämlich der Vorstellung, wie das Publikum sich bei einem Konzert zu verhalten habe. Ich denke, dass die Reaktionen des Publikums, ob es nun Mimik, Gestik oder den ganzen Körper angeht, nicht unbedingt etwas darüber aussagen, ob es ihm gefallen hat.

Die Publikumsreaktionen sind ja eh genrebedingt anders: Im Rock-Konzert geht ist vom Wippen, Kopfnicken bis zum Tanzen alles möglich, bei einem Free-Jazz-Konzert gibt es Zwischenapplaus und (wenn’s intensiv ist) Zwischenrufe, bei Shoegaze ist eher introvertiertes Kopfnicken angesagt, bei Hiphop eher extrovertiertes Verhalten wie Bouncen, und bei Hard Rock und Heavy Metal wird zwischendurch die  Pommesgabel herausgeholt.

Bei improvisierter Musik, wie Globokar sie macht, d.h. Neuer Musik im Hochkultur-Avantgarde-Kontext, ist das Publikum eher auf eine Rezeptionshaltung abonniert, die man von der gehobenen Klassik kennt: Man hört konzentriert zu, am Ende des Stücks klatscht man, und in der Pause schlürft man ein bisschen Rotwein.

Improvisierte Musik wird sicher immer ein kleines Publikum haben, aber man findet sicher auch in der kleinsten Stadt ein paar Leute, die sich das anhören wollen. Und es lohnt sich, auch in kleinen Städten Konzerte zu veranstalten. Wie das Publikum reagiert, hängt dann sicher auch vom angekündigten Genre-Kontext ab: Shoegaze, Free Jazz, Noise, Prog Rock, Experimental – mit jedem dieser Labels spricht man ein eigenes Publikum an, das seine eigenen Vorlieben und Wünsche zum Auftritt mitbringt, und das neben der (teilweisen) Erfüllung der angekündigten Genre-Labels auch die Ohren für Neues öffnen kann.

Musik für Musiker ist die frei improvisierte Musik sicher immer, aber auch Musik für Musikhörer.

Bald folgt noch eine Leseliste und eine Linkliste auf alle Artikel, dann ist die Reihe aus.

Noise is our choice :-)

Knut.

Frei improvisieren – Teil 4: Das Formproblem

Das alte Formproblem… Wenn man Bruce Lee Glauben schenken will, löst sich das Problem recht einfach:

„No form is the highest form.“

Naja, er bezieht sich dabei auf die choreographischen Abläufe beim Karate, die so genannten Katas. Lernt der Karate-Schüler anfangs noch wenige Schritt-, Tritt- und Schlagfolgen in Form von Katas, steigern sich diese Katas in der Komplexität mit jedem Kiu (Gürtel). Ab dem ersten Dan, also dem Meistergrad (der sog. schwarze Gurt), erstellt der Karateka die Katas selbst und ab einem gewissen Reifegrad ist er dann in der Lage keiner Form mehr zu folgen… Das hört sich nach viel Schweiß und Tränen an, ist also als künstlerisches Motto für den Feierabend-Improvisateur eher ungeeignet. Kleine Nebenbemerkung: Elvis Presley hatte im Karate den 8. Dan, den gleichen Grad wie Chuck Norris im Taekwondo ;-)

Und tatsächlich verhält es sich mit der Form im „Free Form Jazz“ unspektakulärer als die Genre-Bezeichnung vermuten lässt. Auch im Free Form Jazz oder in der frei improvisierten Musik gibt es Steigerungspassagen, Soli und konzertierende Abschnitte, Refrainformen und Rondoformen, fugenartige Abschnitte und alle anderen Formprinzipien und Formabschnitte wie in allen anderen musialischen Gattungen und Genres der Geschichte und Gegenwart.

Wie kommen diese Formen bei einer Musik, die den Anspruch auf Formfreiheit hat, zustande? Es handelt sich um kulturell geprägte (oder vielleicht auch natürliche) Grundprinzipien, die von den MusikerInnen in das Gruppenspiel hineingetragen, musikalisch ausgehandelt und umgesetzt werden. Dabei ist es fast unwichtig, ob die Grundform nun musikalisch begründet ist oder nicht. Es ist eigentlich egal, ob das konzertierende Prinzip sich aus einem barocken Violinkonzert, der solistischen Praxis des Jazz oder einer Rede vor dem Bundestag speist. Es geht bei diesem Verhältnis Solist-Ensemble immer um die Handlung „Einer spricht, die anderen hören zu und kommentieren.“

Interessant ist bei der freien Improvisation, dass niemand vorher weiß, wohin die Reise geht. Hat man sich vor dem Spiel auf keinen geregelten Ablauf geeinigt, kann es passieren, dass der Bassist eher auf atonalen Swing aus ist, der Gitarrist lieber eine Klangfläche zimmern möchte. Saxophon 1 hat lieber Müllrausbringen, d.h. 5 Minuten Quietschen, im Sinn, Sax 2 möchte lieber eine richtig schöne Melodie spielen. Dass diese Ausgangssituation nicht zum Spiel- und Hörfrust führt, hat mit der schnellen Kommunikation in den ersten Augenblicken des Spiels zu tun, mit der Fähigkeit und dem Willen(!) auf den anderen zu hören. Anders als im autoritären Diskurs des (Rock-)Jams oder im (Realbook-)Jazz kann jedes Instrument die Rollen wechseln und tauschen. Wollten alle vier am Anfang Solo spielen, kann es passieren, dass alle ganz verschreckt nach wenigen Sekunden eher was Hintergündiges spielen, sich dann einer hervortraut und allmählich eine konzertierende Struktur entsteht. Um die Erwartungshaltung und den Stress schon am Anfang ein bisschen abzumildern, kann man sich auf Abläufe, beispielsweise die Reihenfolge der Einsätze einigen.

Eines der Grundprobleme bei frei improvisierter Musik ist das gemeinsame und/oder sinnvolle Aufhören. Bemerkenswert ist dabei, dass die Zahl der Mitspieler anscheinend im Verhältnis zur Länge des Stückes steht. Wenn wir ohne Absprache zu dritt spielen, kommen wir interessanterweise nie über 5 Minuten (außer wenn es sich jam-mäßig eingroovt). Zu viert ist meistens nach einer Viertelstunde die Luft raus. Ungekrönter Proberaumrekord war eine knappe Stunde, aber da haben sich Abschnitte aneinandergereiht … und wir haben es nicht geschafft gemeinsam aufzuhören ;-)

Wer also viel Zeit auf der Bühne zu verbringen hat, sollte sich entweder vorher ein Konzept machen oder möglichst viele Musiker auf die Bühne bringen. Peter Brötzmann mit seinem Chicago Tentet macht beides: bei einem Auftritt, den ich verfolgen konnte, bestand das Konzert aus zwei ‚Stücken‘, dem ersten und dem zweiten Set. Das Duo- oder Solo-Spiel stellt in der freien Improvisation so etwas wie die Meisterklasse dar, dann gleicht die Performance wirklich einer elaborierten Kata. Simon Frith erzählte einmal in einem Interview, dass er nach einer Solo-Tournee in Japan komplett ausgebrannt war, so heftig war die Konzentration und Anstrengung.

Soweit ein paar Gedanken zum Formproblem des Free Form Jazz bzw. zur freien Improvisation. Das nächste Mal geht es um die Frage, ob freies Improvisieren zwangsläufig atonal sein muss… ist auch eine Frage des Formproblems.