Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Zur Haltbarkeit von Tonbändern

Hier mal wieder was aus der Wissenschaft: Letztens habe ich einen Vortrag über die Nutzung von Tonbandgeräten in der Lehre gehalten und dabei das Tonband als relativ langlebigen Tonträger angepriesen, zumindest wenn man es mit anderen Medien vergleicht, die man selber zum Aufnehmen nutzen kann (also CD-R und so Zeug). Nach dem Vortrag kam ein Kollege – Leiter eines Archivs und damit auch verantwortlich für die dortigen Archivalien – auf mich zu und meldete seinen Widerspruch an. Tonband zur Langzeitspeicherung sei ungeeignet, Vinyl und Schellack sei viel besser.

Ich war durch den Abbau meiner Gerätschaften ein bisschen abgelenkt, so dass ich nichts Sinnvolles entgegnen konnte. Zudem kommen hier mehrere Aspekte zusammen. Daher möchte ich das hier nochmal auseinanderdröseln:

Zunächst sind folgende Punkte festzuhalten:

1. Ja klar, recht hat er. Aber man sollte vielleicht ein paar Dinge beachten…

2. Zum Beispiel Angaben aus der Industrie: Jetzige Hersteller von Datensicherungssystemen auf Magnetband geben als Garantie 15 bis 30 Jahre an. Was bedeutet, dass der Hersteller für Schäden aufkommt, die in dieser Zeitspanne mit dem Band geschehen (vorausgesetzt, dass andere Faktoren ausgeschlossen werden können). Ich finde das ist schon ziemlich viel für so eine schlabbrige metallbeschichtete Plastikfolie. Auf meine neu gekaufte Vinylschallplatte bekomme ich gar keine Garantie. (Dusseligerweise wurden diese Jahreszahlen auch von anderen Internet-Seiten aufgegriffen, allerdings bei der Frage um die Haltbarkeit von Tonband, so dass nun die Idee im Raum steht, Tonbänder würden nach 15 bis 30 Jahren zerbröseln… was ja Quatsch ist.)

3. Die eigene Erfahrung: In den sechs Jahren bei uns am Archiv ist mir kein Fall untergekommen, wo uns ein eingelagertes Tonband zerbröselt ist oder so geschmiert hat, dass es unbrauchbar war. Unsere ältesten Tonbänder sind aus den 50er Jahren, also knapp 70 Jahr alt. (Bei Neueingängen habe ich öfters kaputtes Zeug gefunden, aber das lag meistens jahrelang ungeschützt in Kellern.)

Warum ist es dennoch sinnvoll, die Tonbänder so schnell wie möglich zu digitalisieren:

4. Anders als auf den Musikindustrieprodukten Schellack oder Vinyl ist auf den meisten Tonbändern unikales Material. Das ist in meinen Augen der wichtigste(!) Grund, warum man Tonbänder digitalisieren sollte. Wenn Schallplatten (Lackschnitt, Vinyl oder Schellack) unikal wären, würde man sie auch sofort digitalisieren.

Aber warum hat Tonband so einen schlechten Ruf?

5. Es liegt tatsächlich an einigen Firmen und Marken: Einige Marken sind dafür berüchtigt, dass deren Tonbänder schmieren. Ich nenne jetzt mal alle Marken die mir einfallen: AGFA, BASF, Maxell, Shamrock… ich glaub Shamrock ist am schlimmsten, danach kommt AGFA und BASF und Maxell sind gut… oder so ähnlich.

6. Älter ist oft besser: In den 1970ern hat man angefangen, an dem Material zu sparen und Langspielbänder und Doppelspielbänder zu produzieren, so dass nun der merkwürdige Effekt eintritt, dass manche Bänder aus den 50ern in einem besseren Zustand sind als Bänder aus den 80ern. (Daher ist es kein Problem, Tonbandalben aus den 1950ern oder 1960ern zu kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, ein schlechtes Band zu erwischen, ist eher gering.)

7. Tonbänder können schimmeln bzw. können Staub ansetzen, der an den Nährboden für Schimmel bildet. Das ist aber meistens ein Problem bei Neueingängen und das passiert normalerweise nicht im Archiv.

8. Unser Umgang mit den lieben Bändern, denn tatsächlich sind viele Tonbänder und Kassetten, die bei uns ins Haus kommen, tatsächlich richtig durchgerockt. Die Bänder wurden auf schlechtgewarteten Maschinen gespielt, lagen im Auto oder auf der Fensterbank rum, und am Ende wurden die Sachen dann ungeschützt im Keller oder auf dem Dachboden weggelegt, wo sie schön zustauben konnten. Das Resultat dieser Behandlung sind eiernde Kassetten und dumpf klingende Tonbänder. Wenn man die Kassetten einmal umgespult hat und die Tonköpfe gereinigt, merkt man aber, dass der Klang doch noch ganz ordentlich ist. (So habe ich den kompletten Kassettenbestand meiner Mitbewohnerin ‚geheilt‘.) Wären die Bänder von Anfang an richtig behandelt worden, dann wären sie wahrscheinlich nie in der Mottenkiste gelandet.

Wenn man das mit Vinyl vergleichen will, wäre es so, also würde ich meine Nadel nie tauschen, die Schallplatten ungeschützt rumliegen lassen und ab und zu mal drauflatschen. Und mich dann natürlich darüber ärgern, dass die Platte nicht mehr so schön klingt….

9. Das richtig Fiese und Schlimme am Tonband ist aber noch etwas anders: Die Degeneration (also der Prozess des Verfalls bis hin zur Metallplastik-Matsche) geschieht beim Tonband – wie sagt man im Archivbereich so schön – „katastrophal“. Ist die Degeneration bei Vinyl und Schellack allmählich und graduell – d.h. es knistert immer schlimmer, bis man kaum noch was hört – und durch die Nutzung bestimmt, geht es beim Tonband ruckzuck und durch das Rumliegen. Und es fühlt sich wirklich auch wie eine Katastrophe an: Lag das Tonband Jahrzehntelang im Regal und müffelte nur ein wenig vor sich hin, so hat es sich von Jetzt auf Gleich und ohne Außenwirkung einfach in eine bröselige Lakritzschnecke verwandelt. Während man bei der Schallplatte sich noch damit trösten kann, dass das Ding wenigstens noch seine Form behalten hat, die Archivsigle hält und evtl. noch in einem schönen Cover steckt, tut uns das Tonband nicht diesen Gefallen. Es ist die totale Annihilation, das Ekligste, was einem im Archiv passieren kann. Danach kann man sogar die Handschuhe wegschmeißen, die totale Sauerei, eine absolute Gemeinheit, kurz eine richtige Katastrophe…. Dass die anderen dreitausend Tonbänder noch heile sind, kommt einem in dem Augenblick nicht in den Sinn.

Was tun?

10. Im Archivbereich: Da die meisten Tonbänder unikales Material oder unikale Zusammenstellungen enthalten, sollte man natürlich alle Tonband-Neueingänge digitalisieren (lassen) und dann den Tonbändern endlich das Dasein gönnen, was sie schon bei den Erstnutzern führen sollten: Kühl lagern, gelegentlich auf gut eingestellten und sauberen Maschinen spielen und den ungläubigen Blicken der Studierenden und Fachkolleg*innen aussetzen. Und die zu erwartbaren Verluste im Archivbestand mit Haltung nehmen, die Überreste diskret entsorgen und den Hifi-Göttern gelegentlich eine Kerze anzünden.

11. Für Privatsammler und Tonbandenthusiasten spielt die Frage nach der Langlebigkeit von Tonband keine Rolle: Man kann alte oder neue Tonbänder kaufen und dort seine Musik aufnehmen und abspielen. Schonende Regalhaltung bei Zimmertemperatur reicht völlig aus. Und man kann sich sicher sein, dass die Tonbänder einen überleben und den Nachkommen (vielleicht) Freude bereiten.

Schluss

12. Ja, Tonband (Spulentonband und MC) ist wirklich sehr haltbar. Auch bei korrekter Nutzung und Lagerung vielleicht nicht so haltbar wie Vinyl und Schellack, aber sicher haltbarer als CD-R, CD, MiniDisc, Festplatten usw.

13. VHS-Kassette ist eine andere Baustelle, die sollte man am besten gar nicht erst ins Haus lassen.

Soweit mein Weltwissen zu den Bändern. Ich freue ich gerne über Kommentare.

Thenokirch

Ziemlich viel passiert in letzter Zeit. Ich bin jetzt in Freiburg und habe mit Grodock (u.a. Sohne) und Screenbeast aka Sirko Drive die Band Thenokirch gegründet. Wir bewegen uns irgendwo zwischen Free Core und Noise, ich würde das klangliche Resultat „Krautnoise“ nennen… und es ist natürlich auch immer noch Jazz :)

Hier die Links zum Durchklicken und Liebhaben:

https://www.facebook.com/thenokirch/

 

Und wir haben sogar eine eigene Bandcamp-Seite, d.h. man kann uns auch kaufen:

https://thenokirch.bandcamp.com/

Mal sehen, Merch und Mini-Tour ist in Planung, und vielleicht schaffen wir es ja noch, wie es sich für so ein Genoise gehört, auf Vinyl :)

Dr. Knut und seine Sohne, 19.6.2015, Linker Laden, Hamburg

Im Rahmen des diesjährigen Blurred Edges-Festivals spiele ich ein Konzert mit der lieben Sohne, und zwar am 19.6.2015 im Linken Laden, Kleiner Schäferkamp 46 in Hamburg. Pia und Felix hatten die Idee, dass ich ein Solo-Set spiele. Welche Ehre, dachte ich mir und hab sofort mal ne Geschichte herumgebaut, die man auf http://www.vamh.de/index.php?what=blurred_edges&year=2015&gig=2743 lesen kann. Für Klickfaule hier noch mal der Text :)

Dr. Knut und seine Sohne. eine Adoption in drei Teilen

Pia Abzieher: synthesizer, piano
Sascha Brosamer: live-electronic, harp
Sebastian Bauhof: cello
David Leutkart: synthesizer
Felix Mayer: trombone

Sohne spielen seit 2012 zusammen improvisierte Musik. Ihre fünf Mitglieder kommen aus Freiburg, Halle, Hamburg und Karlsruhe. Sohne klingen wie Kammermusik, Free Jazz, Noise, Ambient oder einfach nach Autounfall. In ihrer Zeit als Panzerheuschrecke stießen sie mehrmals auf die Hansestadt Bayreuth. Jedes Mal war es ganz schlimm, weil alle immer so viel wussten und vor lauter klanglicher Schönheit weinen mussten. Manchmal gab es aber auch Ärger, weil alles so laut war. Aber am Ende hatten sich doch alle wieder lieb. Deshalb freuen wir uns ganz wahnsinnig darauf, in Hamburg zusammen Krach zu machen.

Knut Holtstraeter: E-Gitarre, Stimme, kleine Freunde

Nachdem der 1000-jährige Krieg zwischen der Hansestadt Bayreuth und der Messestadt Leipzig beigelegt wurde, kann der Captain sich seinem zivilen Leben zuwenden und wird wieder zu Dr. Knut, der sich ein Herz fasst und die mutterlose Panzerheuschreckenlarve Sohne an Kindes statt annimmt.

Wie man sieht, ist da einiges drin :) Wer da gerade in Hamburg ist, kann ja der Adoption beiwohnen.

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