Country Girl Mary Halvorson

Wieder eine Entdeckung im zeitgenössischen Gitarren-Olymp, und zwar Mary Halvorson. Weibliche Jazz-Gitarristen, d.h. gitarrespielende Frauen im Jazz-Bereich gibt es ja nicht allzuviel. (Bis auf Jennifer Batten fällt mir jetzt auf die Schnelle niemand ein.) Engt man den Fokus auf die neuere Avantgarde-Szene, steht Halvorson ziemlich alleine da. Wenn sie in ihrem Casual Look, der großen Hornbrille und mit ihrer dicken Jazzbox um die Ecke kommt, hieß es, so berichtet sie in einem Interview, anfangs immer „aha, Country Girl“, so untypisch kommt sie als Jazzmusikerin und Gitarristin daher.

Sie setzt relativ deutlich Effekte ein, beispielsweise Verzerrer, Ringmodulatoren und ein Whammy, wobei die Effekte auch ihre Improvisationen nachhaltig beinflussen. So wird aus der Kombination Bebop-Genudel plus Whammy eine Geisterbahnfahrt durch den Gitarrenjazz der letzten 50 Jahre. Ihr relativ höhenreicher und holzig klingender Gitarrengrundsound entspricht überhaupt nicht dem zum Klischee verkommenen Wes Montgomery-Sound. Sie tauscht des Öfteren ihre Jazz-Box gegen eine alte runderneuerte Kay-E-Gitarre (Singlecut-Form mit Humbuckern, der Hals ist von einer Guild) ein, was ihr ermöglicht, auch mal einen Noise-Schneise in das Swing-Gewusel ihrer Kollegen zu fräsen.

Ihr Akkordspiel zeigt sich in der linken Hand von Derek Bailey beeinflusst, sie arbeitet gerne mit ‚unmöglichen‘ Griffen und überdehnt ihre linke Hand des Öfteren. Dabei scheint mir, dass sie das Griffbrett über die visuelle Ebene und nicht über vorher festgelegte Skalen handhabt. Bei ihr steht eher, wie mir scheint, die Kontur einer Phrase und nicht die genaue Tonhöhe im Vordergrund. Ihre rechte Hand dagegen agiert mit einem Plektron recht konventionell, Pinch-Harmonics u.ä. verwendet sie kaum.

Laut eigenen Angaben ist ihr Zugang zum musikalischen Material immer projektbezogen individuell. Bei einigen Projekten arbeitet sie mit komplett Vorgefertigtem (also Komponiertem), das andere mal spielt sie komplett frei. Was sie dann aber in dem jeweiligen Stück macht, ist nur schwer zu hören. Bei beiden Ansätzen scheint aus dem gleichen ‚musikalischen Fundus‘ zu schöpfen.

Hier ein älteres Vid des Bandprojekts People (mit Texten und eher rockig). Man achte auf den Schlagzeuger Kevin Shea ;-)

Ihr aktuelles Album „Electric Fruit“ mit Trompeter Peter Evans und Schlagzeuger Walter Weasel ist absolut empfehlenswert. Hochvirtuoses Gitarren-Gefrickel neben satten Brachialklängen, die Trompete zirkularatmet, bis einem schwindelt, während das Schlagzeug eigentlich nur nett leisen Schüttel-Punk-Beat darunterlegt. Ganz großes Kino: Ernste Musik zum Staunen und Schlapplachen.

Sie betreibt einen Blog, den Sie aber nur selten bespielt.

Shoegaze im Glashaus

Noch ein Side-Project aus der Gitarrenecke, und zwar ein Noise-Rock-Ding mit vielen Effekten. ‚Shoegaze‘ bezeichnet die performative Komponente dieser Stilrichtung: Schuhekucken. Dabei denken die Musiker die meiste Zeit angestrengt nach, auf welches Effektgeräte sie als Nächstes treten sollen.

Mit Sebastian am Bass und Effekten und Matze (aus Berlin) an den Drums ging es in der Bayreuther Museumsnacht ans Eingemachte. Anderthalb Stunden ohne vorgefertigtes Konzept und vorherige Absprachen, auf die Bühne mit der festen Absicht ordentlich auf den Putz zu hauen. Die Theke hat ausgiebig Ohrenstöpsel verteilt.

Dass dazwischen auch mal sanftere Töne erklangen, dokumentiert folgendes Video. (Vielen Dank an Matze!)

Ich finde die Passage ganz gelungen, weil sie zeigt, was man mit ein paar Tönen um ein harmonisches Zentrum herum alles anfangen kann. Sebastian spielt unerschütterlich schnarrende und pulsierende Tonwiederholungen, während ich einen leicht lädierten Folk-Loop mit gelegentlichen Variationen darüberlege. Beide Schichten sind metrisch bzw. von der ‚Schwungrichtung‘ soweit voneinander unabhängig, dass es eigentlich auch zwei unabhängig aufgenommene Tonspuren gewesen sein könnten. Das gesamte ‚Stück‘ ging etwa 10 Minuten.