Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Tag: Guitar

Shoegaze im Glashaus

by Knut Holtsträter

Noch ein Side-Project aus der Gitarrenecke, und zwar ein Noise-Rock-Ding mit vielen Effekten. ‚Shoegaze‘ bezeichnet die performative Komponente dieser Stilrichtung: Schuhekucken. Dabei denken die Musiker die meiste Zeit angestrengt nach, auf welches Effektgeräte sie als Nächstes treten sollen.

Mit Sebastian am Bass und Effekten und Matze (aus Berlin) an den Drums ging es in der Bayreuther Museumsnacht ans Eingemachte. Anderthalb Stunden ohne vorgefertigtes Konzept und vorherige Absprachen, auf die Bühne mit der festen Absicht ordentlich auf den Putz zu hauen. Die Theke hat ausgiebig Ohrenstöpsel verteilt.

Dass dazwischen auch mal sanftere Töne erklangen, dokumentiert folgendes Video. (Vielen Dank an Matze!)

Ich finde die Passage ganz gelungen, weil sie zeigt, was man mit ein paar Tönen um ein harmonisches Zentrum herum alles anfangen kann. Sebastian spielt unerschütterlich schnarrende und pulsierende Tonwiederholungen, während ich einen leicht lädierten Folk-Loop mit gelegentlichen Variationen darüberlege. Beide Schichten sind metrisch bzw. von der ‚Schwungrichtung‘ soweit voneinander unabhängig, dass es eigentlich auch zwei unabhängig aufgenommene Tonspuren gewesen sein könnten. Das gesamte ‚Stück‘ ging etwa 10 Minuten.

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Upper Franconian Liberation Orchestra

by Knut Holtsträter

Hi folks,

nachdem Carsten mir nun auf seinem Blog zuvorgekommen ist ;), hier ein paar Sätze zu einem Projekt, dass gerade im Entstehen begriffen ist und neben dem Heck laufen soll. Bei dem letzten Probenwochenende der Bayreuther Uni-Big Band auf Wallenfels ergab es sich, dass am ersten Abend eine ziemlich heterogene Schar an Musikern zusammenkam, um zu jammen, wie man so sagt. Die Zielrichtung an dem Abend war (aus meiner Warte zumindest) klar auf Free Jazz und es mal ordentlich Krachen lassen angelegt, oder wie die alte Katze sagt: brötzen und/oder den Müll rausbringen. Mal sehen, ob man die Posaunenchor- oder Musikschul-sozialisierten Studis aus der Reserve locken kann hehehe, dachte ich mir.

Nunja, um es kurz zu machen: An dem Abend wurden viele Striche auf die Bierliste gesetzt und alle hatten einen ziemlichen Heidenspaß. Unser Bassist Markus hat das Ganze mit einem portablen Recorder mitgeschnitten, das Teil stand auf einem Tisch vor uns, und nach ein paar kurzen Abstimmungen am Gerät und ein wenig Stühlerücken blieb die Aufnahmesituation unverändert.

Am nächsten Morgen hat Carsten schnell durch die Mitschnitte gezappt, um ihnen zur Unterscheidung ein paar Arbeitstitel zu geben. Was da beim ersten Hören aus dem Laptop-Lautsprecher kam, war ziemlich überraschend. Da klangen einige Passagen wie fertigkomponierte Spektralmusik, einiges wie Hörspiel, anderes wie Filmmusik, anderes wie eine Mischung aus Noise-Rock und Dixieland. Als Einstieg empfehle ich „The Wall is a Ladder“, das ‚Werk‘ mit dem aus meiner Sicht meisten Kopfkino-Potential.

Ich bin, ums nochmal ganz offiziell zu sagen, sehr glücklich mit diesen Mitschnitten, und frage mich, ob wir dieses oder ähnliche Ereignisse (im weitestgehend nüchternen Zustand, bitte) wiederholen könnten. Deswegen möchte ich das ganze Vorhaben auf den Status eines Musik-Projekts bringen, mit sporadischen ‚Proben‘ und Auftritten in der Region. Die sechs Musiker dieser Session, also die damals noch ahnungslosen ‚Gründungsmitglieder‘ des UFLO (Trompete, Sax, 2 Posaunen, Gitarre, Kontrabass), rechne ich zum festen Kern. Damit das Ding aber auch ein richtiges Befreiungsorchester wird, brauchen wir noch Zuwachs bei allen Instrumenten. Daher bitte ich, sich bei uns zu melden (siehe „Kontakt“). Wir nehmen auch – wie in einem richtigen Orchester – Doppel-, Dreifach oder Vierfach-Besetzungen an.

Achja, wichtig ist noch zu sagen, dass das Orchester völlig offen für alle möglichen Klangerzeuger, Musikstile, Spielarten und Spielräume ist, und dass die ganze Angelegenheit basisdemokratisch über die Bühne gehen soll… zumindest, was das Musizieren angeht, irgendeiner muss die Leute ja zusammenrufen ;-)

Also meldet Euch! Wie und wann wir uns dann treffen, gebe ich dann per PN durch.

Knut.

PS: Oberfränkin oder Oberfranke sein ist kein Aufnahmekriterium ;-)

Stilberatung: Derek Baileys ’nichtidiomatischer‘ Stil

by Knut Holtsträter

Ohne den Gitarristen Derek Bailey würde die englische Szene der freien Improvisation deutlich anders aussehen. Seine Zusammenarbeit mit anderen Pionieren der englischen Szene wie Evan Parker zählt zu den stärksten Sachen, die man sich als Zuhörer antun kann. Sein instrumentaler Zugang zur Gitarre polarisiert wie kein anderer. Er selbst bezeichnet sich nicht als ‚Musiker‘, sondern als ‚Instrumentalist‘. Seinen Stil nennt er ’nichtidiomatisch‘, die Töne sind sehr hakelig und punktuell, er spielt kaum Melodiefolgen, die Töne ’springen‘ geradezu von einem Extrem ins andere.

Das erzeugt Klangbänder, die in sich stachelig wirken, aber dennoch statisch, weil es keine formale Steigerung gibt. Die Fremdheit seines Sound wird noch hervorgehoben, dass er mit alternativen Stimmungen und dem Verstimmen einzelner Saiten experimentiert, das alles über konventionelle Jazz-Gitarren, die er teils klar verstärkt oder unverstärkt spielt. Es klingt so, als würde ein seniler Opa auf der Veranda seinen atonalen Blues spielen. Und tatsächlich tut Bailey bei einigen Auftritten so, als ob es das Nebensächlichste und Normalste der Welt sei, so einen Krach auf einer Gitarre zu spielen.

Kaum ein Wunder, dass sein Spiel und sein Auftreten oft auf Ablehung stieß. Mein Gitarrenlehrer beispielsweise bezeichnet ihn, nachdem er obiges Video gesehen hatte, als „totalen Vollpfosten“… wobei er vielleicht recht haben könnte, oder?

Mit dem Begriff ’nichtidiomatisch‘ distanziert Bailey sein Spiel von dem Idiom des Jazz, welches er als sehr repressiv erlebt hat. Er ist, als Arbeiterkind, in der damaligen Tanzmusik groß geworden, die seiner Meinung nach für sein Instrument, die Gitarre, mehr Freiheiten erlaube als der Jazz. Die Gitarre hätte im Jazz eigentlich keine richtige Stimme, entweder reduziert sich der Gitarrist auf die Aufgabe des Akordeschrubbens oder Skalenabdudelns. Abweichendes Verhalten sei von den Jazzkollegen sofort bestraft worden. In der Tanzmusik hingegen hatte er die Freiheit in der Rhythmusgruppe Variationen zu entwickeln, um nicht nur den Solisten oder den Chorus zu begleiten, sondern die Musik selbst zu gestalten. (Seinen Schlüsselmoment hin zum freien Spiel, also die Erkenntnis, dass er auch für die konventionelle Tanzmusik unbrauchbar sei, habe er übrigens gehabt, als er bei einem Gig auf einmal alles dreimal so schnell gespielt habe.)

Der Begriff ’nichtidiomatisch‘, so wie Bailey ihn gebraucht ist natürlich schwierig, denn er bedient mit seiner Musik ein ganz anderes Idiom, das der sogenannten neuen Musik. In Interviews gibt er an, dass er Webern und ähnliche Komponisten gehört habe. Und tatsächlich findet man zwischen seinem Spiel und beispielsweise Webern Streichquartetten viele klangliche und, wenn man sie einer Musikanalyse unterziehen würde, vielleicht auch strukturelle Gemeinsamkeiten. Was den Instrumentalisten Bailey vom Komponisten Webern unterscheidet, ist sicher aber der Anspruch, völlig frei und spontan zu agieren und im Zusammenspiel mit anderen Musikern zu reagieren. Zudem sind Baileys Improvisationen zum Teil sehr lang, manche wahrscheinlich länger als alle Werke Weberns hintereinandergespielt.

Bei Bailey bleiben immer Fragen zurück, auch wenn man seine Musik (manchmal) gut findet: Hat er überhaupt eine Technik? Warum klingt das alles so gleich? Oder ist es doch unterschiedlich? Kann er überhaupt Gitarre spielen? Wird der künstlerische Anspruch der musikalischen Wirklichkeit gerecht?

Seine Mitmusiker in der englischen Szene und im europäischen Umfeld haben diese Fragen zu Baileys Gunsten beantwortet. Er war und bleibt ein Freak unter den Gitarristen, ein Initiator des westeuropäischen Free Jazz, der sich eher an Neuer Musik interessiert, und eine monolithische Gestalt für alle, die das Diktum der gitarristischen Skalenhuberei als Relikt des Jazz halten.

An ihm sieht man, dass der Jazz sich von sich selbst befreien musste, damit er frei werden kann.

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