Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Tag: Group Improvisation

Der Elefant onanierte am 15.3.2014 in Leipzig im Park

by Knut Holtsträter

Es ist nun endlich gelungen den Elefanten aufzunehmen, und zwar am 15.3.2014 im Spielraum des theatercolaborativs [nain], an einem Abend, an dem die Hansestadt Bayreuth der Messestadt Leipzig 1000 Jahre Krieg erklärt hat.

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Das Schöne ist, dass der Auftritt sogar recht kultiviert (ohne Androhungen von Schlägen, Puddingattacken o.ä.) über die Bühne ging und Thaddäus, unser Hohepriester, die Liturgie zum Mitschreiben genau an die Gemeinde gebracht hat. Vielleicht lag es auch daran, dass wir uns trotz Viertel-Neubesetzung – Andi war zum ersten Mal mit seinem Zeug dabei – dieses Mal noch weniger abgesprochen haben.

Da der lithurgische Ablauf den Eingeweihten ja mittlerweile eh in Fleisch und Blut übergegangen ist, habe ich auf eine genaue Bezeichnung der Dateien verzichtet. Hört es einfach einmal komplett durch, es geht etwa 45 Minuten.

Viel Spass beim Hören. Beteiligt waren diesmal beim Elefanten Andi (Vikar / Laptop, Syntheziser), Felix (Hilfspriester / Elektronik), Knut (Meßdiener / Gitarre) und Thaddäus (Oberpriester / Dosenöffner).

Und nochmal einen superdicken Dank an Christine und Florian von [nain]. Wir haben uns sehr aufgehoben gefühlt bei Euch :)

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Frei improvisieren – Teil 7: Wer will sowas eigentlich hören?

by Knut Holtsträter

Der Posaunist, Improvisator und Komponist Vinko Globokar hat beobachtet, dass bei Konzerten frei improvisierter Musik die Musiker immer ganz beseelt und glücklich von ihrem Tun sind, das Publikum aber den Anschein vermittelt, als wäre es nicht so glücklich und beseelt. Für ihn besteht da ein Kommunikationsproblem, das die Musiker angehen müssten.

Ich bin mir nicht sicher, ob er da nicht einem Kommunikationsproblem anderer Art auf den Leim geht, nämlich der Vorstellung, wie das Publikum sich bei einem Konzert zu verhalten habe. Ich denke, dass die Reaktionen des Publikums, ob es nun Mimik, Gestik oder den ganzen Körper angeht, nicht unbedingt etwas darüber aussagen, ob es ihm gefallen hat.

Die Publikumsreaktionen sind ja eh genrebedingt anders: Im Rock-Konzert geht ist vom Wippen, Kopfnicken bis zum Tanzen alles möglich, bei einem Free-Jazz-Konzert gibt es Zwischenapplaus und (wenn’s intensiv ist) Zwischenrufe, bei Shoegaze ist eher introvertiertes Kopfnicken angesagt, bei Hiphop eher extrovertiertes Verhalten wie Bouncen, und bei Hard Rock und Heavy Metal wird zwischendurch die  Pommesgabel herausgeholt.

Bei improvisierter Musik, wie Globokar sie macht, d.h. Neuer Musik im Hochkultur-Avantgarde-Kontext, ist das Publikum eher auf eine Rezeptionshaltung abonniert, die man von der gehobenen Klassik kennt: Man hört konzentriert zu, am Ende des Stücks klatscht man, und in der Pause schlürft man ein bisschen Rotwein.

Improvisierte Musik wird sicher immer ein kleines Publikum haben, aber man findet sicher auch in der kleinsten Stadt ein paar Leute, die sich das anhören wollen. Und es lohnt sich, auch in kleinen Städten Konzerte zu veranstalten. Wie das Publikum reagiert, hängt dann sicher auch vom angekündigten Genre-Kontext ab: Shoegaze, Free Jazz, Noise, Prog Rock, Experimental – mit jedem dieser Labels spricht man ein eigenes Publikum an, das seine eigenen Vorlieben und Wünsche zum Auftritt mitbringt, und das neben der (teilweisen) Erfüllung der angekündigten Genre-Labels auch die Ohren für Neues öffnen kann.

Musik für Musiker ist die frei improvisierte Musik sicher immer, aber auch Musik für Musikhörer.

Bald folgt noch eine Leseliste und eine Linkliste auf alle Artikel, dann ist die Reihe aus.

Noise is our choice :-)

Knut.

Frei improvisieren – Teil 5: Warum ist freie Improvisation oft atonal?

by Knut Holtsträter

Nun zu einem wirklich schwierigen Thema, weil sich hier nun endgültig die Geister scheiden: Warum muss freie Improvisation immer so schräg und dissonant sein? Kann man nicht auch tonal spielen, um die Freiheit zu finden, die man anstrebt? Meine Antwort darauf ist ein klares Nein. Das muss ich ein bisschen ausführen…

Wie Arnold Schönberg mal sagte, findet er den Begriff atonal ziemlich daneben, denn schließlich arbeite er als Komponist ja immer noch mit Tönen. A-tonale Musik gebe es per definitionem nicht. Wenn wir von atonaler Musik reden, d.h. schrägem Zeug, das kein Mensch auf Dauer ertragen kann, ist damit eigentlich oft nur atonikale Musik gemeint. Atonikal bedeutet, dass ein Grundton oder eine Grundharmonie fehlt. Viele andere, damit zusammenhängende musikalische Aspekte und Bestandteile wie Kadenzen, Leittönigkeit, Quintfälle und Schlussklauseln usw. werden dann infrage gestellt oder verlieren ihre Funktion oder Bedeutung. Wenn ich ohne einen festgelegten Grundton spiele, kann es aber immer noch tonal sein, dann ist es halt freitonal. Meistens bemerkt man bei solcher Musik eine schnelle Folge an (tonal nicht sinnvollen) Grundtönen, die Musik bewegt sich noch im Rahmen des Normalen und irritiert nur durch Bezugslosigkeit oder durch Indifferenz. Auf der Gitarre kann man sowas relativ leicht herstellten, man spielt einfach (in sich tonal sinnvolle) Bruchstücke und fügt sie recht schnell, bspw. durch unkoordinierten Lagenwechsel, aneinander, und voilá: schon klingt es nach gemäßigter Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das ‚Problem‘ von tonaler und/oder tonikaler Musik ist, dass sie schon einen ziemlich großen Koffer an Musikgeschichte auf die Session mitbringt. Wenn man eine Tonika spielt, ist die Kadenz nicht fern und flugs hat man schon eine halbe musikalische Linie zusammen. Schlimmer noch: Nach einer Kadenz ist die Musik erst einmal fertig. Innerhalb der Tonfolgen ist es ähnlich: jeder Ton in der Skala hat eine bestimmte Funktion zum Grundton und den anderen Tönen, diese sind ganz klar besetzt und gehorchen den Gesetzen der Tonalität, inklusive Phrasenanfang- und ende, Reperkussionstöne usw. Das ist an und für sich gut so, schließlich ergibt sich so musikalischer Sinn und Verständlichkeit. Das Problem ist leider nur, dass diese Töne diesen Gesetzen auch folgen, wenn man eigentlich was ganz anderes mit ihnen machen will.

Das größte Problem der Tonalität beim freien Spiel aber ist ein formales bzw. musikrhetorisches: Wenn ich etwas tonal in sich Geschlossenes in einem Kontext der Interaktion spiele, ist das etwa so, als wenn ich meinem Tischnachbarn in der Mensa auf die Frage, ob ich mal den Glashaus-Flyer rübereichen könne, mit einem halbstündigen Dialog über den Sinn der Quotenregelung in Vorstandsetagen antworte. Will sagen: Tonalität ist für sich regelhaft so geschlossen und in sich formell sinnhaft, dass sie eine direkte und spontane Kommunikation zwischen den Musikern komplett verunmöglicht.

Ich habe das letztens mit Musikern erlebt, die eigentlich den guten Willen hatten, frei zu improvisieren, aber dann beim Zusammenspiel immer in die tonale Stereotypen-Falle geraten sind. Nachher waren sie ganz frustriert und fragten sich, warum das einfach nicht klappt mit dem Zusammenspiel. Und an der fehlenden ‚Musikalität‘ (was immer das ist) und fehlenden Fertigkeiten am Instrument hat es nicht gelegen. Die Situation war dergestalt, dass die Musiker auf die einfache Frage nach dem aktuellen Wetter mit Shakespeares Sturm geantwortet haben, und dachten, damit eine sinnvolle Antwort gegeben zu haben. Das hatte Wirkung auf die Stimmung bei der Session: Alle (einschließlich der ‚Tonaliker‘) waren ziemlich angekekst, aber keiner konnte so recht auf den Punkt bringen, was genau falsch gelaufen ist und wer sich denn nun so unmöglich verhalten hat.

Im Zusammenhang mit den Komponisten der zweiten Wiener Schule (Schönberg, Berg und Webern) hat sich der Begriff „musikalische Prosa“ etabliert, und ich denke, dass das ein Term ist, der das Problem bei der Improvisation auf den Punkt bringt: Freie Improvisation muss zu einem gewissen Grad unberechenbar und formlos sein, damit sie als Kommunikationsbeitrag fungieren kann. Wenn ich meine Gesprächspartner mit Hexametern drangsaliere, quittieren sie es mir mit Protest, Schweigen oder Duldung.

Zudem funktioniert das tonikale System nach Kategorien wie richtig oder falsch, d.h. als improvisierender Mitmusiker wird man von dem System (oder dem systemtreuen Musiker) andauernd gemaßregelt. Jeder ‚falsche‘ Ton ist tatsächlich falsch, und meistens überwiegen bei der Tonalität eher die falschen als die richtigen Möglichkeiten.

Bei so genannter modaler Musik, Musik die eher offen über tonale Zentren agiert, sind diese Grenzen nur weiter gesteckt. Letztendlich entscheidet immer das System, welcher Ton „inside“ oder „outside“ ist… Arme Töne, mag man sich da sagen.

Das alles mögen Gründe sein, warum man beim freien Spiel (zwangsläufig?) irgendwann beim atonalen Gedudel landet oder landen sollte.

Beim nächsten Mal geht’s um das (Jazz-)Diktum der Virtuosität und die Frage, ob man ‚gut‘ spielen muss, um frei improvisieren zu können.

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