Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Tag: Hemmungsloses Improvisieren

Der blaue Elefant inkarniert am 3. Juli bei der Open Stage

by Knut Holtsträter

„Nach einer langen Tour durch unser Universum und verschiedene Galaxien werde ich mich bald zum 675. Mal inkarnieren. Mit neuen, spannenden Einflüssen vom Jupiter und vom Bananengott. Das 11. Studioalbum ist auch unterwegs. Es wird spannend. Relevanz und Kommunikation zum Hungerlohn!“

So lautet die Facebook-Meldung von Der blaue Elefant onaniert im Park anlässlich des Auftritts bei der Open Stage im Glashaus am Dienstag, den 3. Juli. Es werden skurrile Texte skandiert, Fast-Musik gemach und absurde Kostüme gezeigt.

Und zum ersten Mal bin ich dabei, sehr wahrscheinlich mit Gitarre und Effekten. Ich weiß nicht einmal, wer alles zum blauen Elefant gehört… Bin sehr gespannt, wohin die Reise geht. Es wohl eine Bühnentaufe geben, so eine Reinkarnation muss ja gefeiert werden.

Also mindestens ein Grund, diesmal am 3. Juli um 20 Uhr zur Open Stage zu kommen und all die anderen Stümper zu ertragen, bis der blaue Elefant erscheint ;-)

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Frei improvisieren – Teil 6: Muss man dafür gut spielen können?

by Knut Holtsträter

Auf dem Spielfeld der freien Improvisation tummeln sich sehr verschiedene Musiker: Musikhochschulabsolventen aus dem Jazz- und Klassikbereich, bildende Künstler und Klangwerker mit einem besonderen ästhetischen Anspruch, Performance-Künstler oder Menschen, die einfach nur Krach machen und eine gute Zeit haben wollen.

Die jeweiligen Ansprüche der Musiker können ganz unterschiedlich sein: Der eine will (auch) sein Können auf dem Instrument darstellen, der andere will eine besondere Aufführungssituation, evtl. mit anderen Musikern und/oder Künstlern herstellen, wieder ein anderer möchte einfach nur möglichst ungewöhnliche Geräusche machen, jener eine Geschichte erzählen usw.usf. Diese Ansprüche müssen jeweils nicht immer gleich stark präsent sein. In einem Moment macht es mir einfach Spass ordentlich abzushreddern oder alberne Klänge auf der Gitarre und den Effekten zu zaubern, einen anderen Moment kommt es aufs Hinhören und die Interaktion an.

Die Momente beim Spielen sind sehr vielgestaltig. Und doch bekommt man ab und zu die süffisante Frage gestellt, ob man für das freie Improvisieren eigentlich sein Instrument gut bis virtuos beherrschen muss. Sollte man vielleicht sein Instrument an einer Hochschule gelernt haben und evtl. seine Meriten in anderen, ‚etablierteren‘ Bereichen wie dem Jazz oder der Klassik erlangt haben? Hinter dieser Frage steckt die Vorstellung eines ‚richtigen‘ und angemessenen Spielens. Besonders im Jazzbereich ist die Schnelligkeit und Geläufigkeit wichtig, da erscheinen mir die Jazzer dogmatischer als die Klassiker oder Musiker der (komponierten) Neuen Musik.

Der Komponist, Posaunist und Improvisator Vinko Globokar hat es mal auf den Punkt gebracht, wenn er sich darüber beklagte, dass er im Free Jazz keine tiefen langen Töne mehr spielen dürfe. Er legt mit dieser Klage ein wichtiges Unterscheidungskriterium zwischen Improvisierter Musik (im Sinne der Neuen Musik) und Free Jazz offen: Der Free Jazz hat das Virtuostitätsparadigma des Bebop und Hardbop übernommen und auf die erweiterten Spieltechniken ausgeweitet. Deswegen klingt Free Jazz (der traditionellen Ausrichtung, wenn man so sagen kann) immer schnell, hektisch und im oberen Klangbereich und meistens auch im oberen dynamischen Bereich. Also: Höher, schneller, weiter, lauter. Der durch das Genre an den Musiker herangebrachte ‚Leistungsanspruch‘ legt die Musiksprache fest.

So weit, so gut. Das Problem ist aber, dass jedes Musikgenre seine Anfänger, Laien, Semi-Profis und Profis, Feierabendkapellen und Weltstars, Kammervirtuosen und Stümper, warum nicht auch die frei improvisierte Musik und besonders der Free Jazz mit seinem Virtuositätsanspruch? Das bringt den angehenden Free Jazzer vor ein Dilemma: Wie lange soll er üben, bis er wirklich gut, d.h. dem Virtuositätsparadigma entsprechend, spielt? Und schlimmer: Wann merkt er, dass er gut genug ist? Soll er sich eine Peer Group erschaffen, die ab und zu mal bei ihm zuhause vorbei schaut und ihn dementsprechend bewertet?…

Ich denke, dass man die Frage, ob man gut bis virtuos spielen muss, für den Bereich der improvisierten Musik getrost mit nein beantworten kann. Natürlich ist es von Vorteil, dass man weiss, was das Instrument macht, wenn man es spielt, und es ist auch gut, ’schön‘ und ‚häßlich‘ und langsam und schnell im Bedarfsfall abrufen zu können. Aber es gibt (anders als im Realbook-Jazz) keine Polizei, die einen von der Bühne kickt, wenn man mal was ‚falsch‘ gemacht hat.

Mehr fällt mir zu dem Thema gerade nicht ein. Das nächste Mal geht es um die Frage des möglichen und tatsächlichen Publikums solcher Musik: Wer will so eine Musik eigentlich hören?

Frei improvisieren – Teil 4: Das Formproblem

by Knut Holtsträter

Das alte Formproblem… Wenn man Bruce Lee Glauben schenken will, löst sich das Problem recht einfach:

„No form is the highest form.“

Naja, er bezieht sich dabei auf die choreographischen Abläufe beim Karate, die so genannten Katas. Lernt der Karate-Schüler anfangs noch wenige Schritt-, Tritt- und Schlagfolgen in Form von Katas, steigern sich diese Katas in der Komplexität mit jedem Kiu (Gürtel). Ab dem ersten Dan, also dem Meistergrad (der sog. schwarze Gurt), erstellt der Karateka die Katas selbst und ab einem gewissen Reifegrad ist er dann in der Lage keiner Form mehr zu folgen… Das hört sich nach viel Schweiß und Tränen an, ist also als künstlerisches Motto für den Feierabend-Improvisateur eher ungeeignet. Kleine Nebenbemerkung: Elvis Presley hatte im Karate den 8. Dan, den gleichen Grad wie Chuck Norris im Taekwondo ;-)

Und tatsächlich verhält es sich mit der Form im „Free Form Jazz“ unspektakulärer als die Genre-Bezeichnung vermuten lässt. Auch im Free Form Jazz oder in der frei improvisierten Musik gibt es Steigerungspassagen, Soli und konzertierende Abschnitte, Refrainformen und Rondoformen, fugenartige Abschnitte und alle anderen Formprinzipien und Formabschnitte wie in allen anderen musialischen Gattungen und Genres der Geschichte und Gegenwart.

Wie kommen diese Formen bei einer Musik, die den Anspruch auf Formfreiheit hat, zustande? Es handelt sich um kulturell geprägte (oder vielleicht auch natürliche) Grundprinzipien, die von den MusikerInnen in das Gruppenspiel hineingetragen, musikalisch ausgehandelt und umgesetzt werden. Dabei ist es fast unwichtig, ob die Grundform nun musikalisch begründet ist oder nicht. Es ist eigentlich egal, ob das konzertierende Prinzip sich aus einem barocken Violinkonzert, der solistischen Praxis des Jazz oder einer Rede vor dem Bundestag speist. Es geht bei diesem Verhältnis Solist-Ensemble immer um die Handlung „Einer spricht, die anderen hören zu und kommentieren.“

Interessant ist bei der freien Improvisation, dass niemand vorher weiß, wohin die Reise geht. Hat man sich vor dem Spiel auf keinen geregelten Ablauf geeinigt, kann es passieren, dass der Bassist eher auf atonalen Swing aus ist, der Gitarrist lieber eine Klangfläche zimmern möchte. Saxophon 1 hat lieber Müllrausbringen, d.h. 5 Minuten Quietschen, im Sinn, Sax 2 möchte lieber eine richtig schöne Melodie spielen. Dass diese Ausgangssituation nicht zum Spiel- und Hörfrust führt, hat mit der schnellen Kommunikation in den ersten Augenblicken des Spiels zu tun, mit der Fähigkeit und dem Willen(!) auf den anderen zu hören. Anders als im autoritären Diskurs des (Rock-)Jams oder im (Realbook-)Jazz kann jedes Instrument die Rollen wechseln und tauschen. Wollten alle vier am Anfang Solo spielen, kann es passieren, dass alle ganz verschreckt nach wenigen Sekunden eher was Hintergündiges spielen, sich dann einer hervortraut und allmählich eine konzertierende Struktur entsteht. Um die Erwartungshaltung und den Stress schon am Anfang ein bisschen abzumildern, kann man sich auf Abläufe, beispielsweise die Reihenfolge der Einsätze einigen.

Eines der Grundprobleme bei frei improvisierter Musik ist das gemeinsame und/oder sinnvolle Aufhören. Bemerkenswert ist dabei, dass die Zahl der Mitspieler anscheinend im Verhältnis zur Länge des Stückes steht. Wenn wir ohne Absprache zu dritt spielen, kommen wir interessanterweise nie über 5 Minuten (außer wenn es sich jam-mäßig eingroovt). Zu viert ist meistens nach einer Viertelstunde die Luft raus. Ungekrönter Proberaumrekord war eine knappe Stunde, aber da haben sich Abschnitte aneinandergereiht … und wir haben es nicht geschafft gemeinsam aufzuhören ;-)

Wer also viel Zeit auf der Bühne zu verbringen hat, sollte sich entweder vorher ein Konzept machen oder möglichst viele Musiker auf die Bühne bringen. Peter Brötzmann mit seinem Chicago Tentet macht beides: bei einem Auftritt, den ich verfolgen konnte, bestand das Konzert aus zwei ‚Stücken‘, dem ersten und dem zweiten Set. Das Duo- oder Solo-Spiel stellt in der freien Improvisation so etwas wie die Meisterklasse dar, dann gleicht die Performance wirklich einer elaborierten Kata. Simon Frith erzählte einmal in einem Interview, dass er nach einer Solo-Tournee in Japan komplett ausgebrannt war, so heftig war die Konzentration und Anstrengung.

Soweit ein paar Gedanken zum Formproblem des Free Form Jazz bzw. zur freien Improvisation. Das nächste Mal geht es um die Frage, ob freies Improvisieren zwangsläufig atonal sein muss… ist auch eine Frage des Formproblems.

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