Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Tag: Spieltechnik

Cities in the Netherlands/Krankengeschichten

by Knut Holtsträter

Mal wieder eine kleine Kollaberation mit Andi, diesmal eine kleine Preziose mit Archtop und Laptop (vom 27.9.2013). Eigentlich weiß ich immer noch nicht, was ich damit anfangen soll. Es steht von dem zuvor gemachten ziemlich ab und will nicht so recht in die Schubladen passen. Letztendlich ist es der Versuch, die Solosession (vom 28.8.2013), die ich mit einer Hertiecaster trocken ins Aufnahmegerät eingespielt habe, in ein Duo-Konzept zu überführen. Das Duo könnte Bestand haben, mal sehen… :)

Hier das Duozeug mit Andi, eine Klangspur, die ich im Nachhinein aufgeteilt habe:

Und hier die vorab als solche gedachten und eingespielten Solo-Stücke. Die ‚unpluggde‘ Hertie klingt einfach so dermaßen gut, dass ich mich frage, wie man diesen Klang auf eine Bühne bringen kann…

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Frei improvisieren – Teil 6: Muss man dafür gut spielen können?

by Knut Holtsträter

Auf dem Spielfeld der freien Improvisation tummeln sich sehr verschiedene Musiker: Musikhochschulabsolventen aus dem Jazz- und Klassikbereich, bildende Künstler und Klangwerker mit einem besonderen ästhetischen Anspruch, Performance-Künstler oder Menschen, die einfach nur Krach machen und eine gute Zeit haben wollen.

Die jeweiligen Ansprüche der Musiker können ganz unterschiedlich sein: Der eine will (auch) sein Können auf dem Instrument darstellen, der andere will eine besondere Aufführungssituation, evtl. mit anderen Musikern und/oder Künstlern herstellen, wieder ein anderer möchte einfach nur möglichst ungewöhnliche Geräusche machen, jener eine Geschichte erzählen usw.usf. Diese Ansprüche müssen jeweils nicht immer gleich stark präsent sein. In einem Moment macht es mir einfach Spass ordentlich abzushreddern oder alberne Klänge auf der Gitarre und den Effekten zu zaubern, einen anderen Moment kommt es aufs Hinhören und die Interaktion an.

Die Momente beim Spielen sind sehr vielgestaltig. Und doch bekommt man ab und zu die süffisante Frage gestellt, ob man für das freie Improvisieren eigentlich sein Instrument gut bis virtuos beherrschen muss. Sollte man vielleicht sein Instrument an einer Hochschule gelernt haben und evtl. seine Meriten in anderen, ‚etablierteren‘ Bereichen wie dem Jazz oder der Klassik erlangt haben? Hinter dieser Frage steckt die Vorstellung eines ‚richtigen‘ und angemessenen Spielens. Besonders im Jazzbereich ist die Schnelligkeit und Geläufigkeit wichtig, da erscheinen mir die Jazzer dogmatischer als die Klassiker oder Musiker der (komponierten) Neuen Musik.

Der Komponist, Posaunist und Improvisator Vinko Globokar hat es mal auf den Punkt gebracht, wenn er sich darüber beklagte, dass er im Free Jazz keine tiefen langen Töne mehr spielen dürfe. Er legt mit dieser Klage ein wichtiges Unterscheidungskriterium zwischen Improvisierter Musik (im Sinne der Neuen Musik) und Free Jazz offen: Der Free Jazz hat das Virtuostitätsparadigma des Bebop und Hardbop übernommen und auf die erweiterten Spieltechniken ausgeweitet. Deswegen klingt Free Jazz (der traditionellen Ausrichtung, wenn man so sagen kann) immer schnell, hektisch und im oberen Klangbereich und meistens auch im oberen dynamischen Bereich. Also: Höher, schneller, weiter, lauter. Der durch das Genre an den Musiker herangebrachte ‚Leistungsanspruch‘ legt die Musiksprache fest.

So weit, so gut. Das Problem ist aber, dass jedes Musikgenre seine Anfänger, Laien, Semi-Profis und Profis, Feierabendkapellen und Weltstars, Kammervirtuosen und Stümper, warum nicht auch die frei improvisierte Musik und besonders der Free Jazz mit seinem Virtuositätsanspruch? Das bringt den angehenden Free Jazzer vor ein Dilemma: Wie lange soll er üben, bis er wirklich gut, d.h. dem Virtuositätsparadigma entsprechend, spielt? Und schlimmer: Wann merkt er, dass er gut genug ist? Soll er sich eine Peer Group erschaffen, die ab und zu mal bei ihm zuhause vorbei schaut und ihn dementsprechend bewertet?…

Ich denke, dass man die Frage, ob man gut bis virtuos spielen muss, für den Bereich der improvisierten Musik getrost mit nein beantworten kann. Natürlich ist es von Vorteil, dass man weiss, was das Instrument macht, wenn man es spielt, und es ist auch gut, ’schön‘ und ‚häßlich‘ und langsam und schnell im Bedarfsfall abrufen zu können. Aber es gibt (anders als im Realbook-Jazz) keine Polizei, die einen von der Bühne kickt, wenn man mal was ‚falsch‘ gemacht hat.

Mehr fällt mir zu dem Thema gerade nicht ein. Das nächste Mal geht es um die Frage des möglichen und tatsächlichen Publikums solcher Musik: Wer will so eine Musik eigentlich hören?

Frei improvisieren – Teil 3: Habt Ihr denn keine Noten?

by Knut Holtsträter

Nachdem wir zum ersten Mal in Blumis Probenraum unsere Sachen ausgepackt und aufgebaut haben, kam er dazu, sah sich um und fragte: „Spielt Ihr denn nicht nach Noten?“ Ich war von der Frage sehr erstaunt, zum einen, weil das Abwesendsein von Spielvorlagen für mich (und uns als Gruppe) mittlerweile zur Normalität geworden ist, zum anderen, weil sie für einen Außenstehenden so naheliegend ist und einen wichtigen Aspekt berührt, der mit dem Thema des letzten Teil zu tun hat: Was ist eigentlich ‚frei‘?

Ich hatte mir eigentlich seit der zweiten Probe mit dem Heckquarter (damals noch mit Schlagzeug) keine Sorgen mehr gemacht, wie wir die Probenzeit musikalisch ausfüllen. Man spielt einfach das, was einem durch den Kopf oder durch die Finger geht, so könnte man es vereinfacht sagen. Aber natürlich ist es viel komplexer:

„Free Form Jazz“ – das wäre wohl die genaueste Bezeichnung für das was wir momentan machen, die Frage der Stilistik wäre ein eigenes Thema – zeichnet sich dadurch aus, dass es (größtenteils) keine formalen Absprachen gibt und dass jeder Musiker seine eigene Sprache in das Zusammenspiel miteinbringt. Was wiederum bedeutet, dass jeder Musiker etwas zum Einbringen im Moment des Zusammenspiels dabei haben sollte, er sollte also ein paar Licks und Tricks draufhaben, im besten Falle schon ein ganzes ‚Vokabular‘ an musikalischen Formeln, das er frei und situativ einsetzen kann. Das setzt eine gewisse Reflexion über das eigene Spiel und Souveranität im Umgang mit seinem Instrument voraus. Letzterer Aspekt, der Anspruch auf instrumentale Expertise und das Zeigen der Virtuosität ist aber ein Jazz-Ding, das muss nicht bei allen improvisierten Musiken (wie Noise, Free Punk usw.) gleich stark sein.

Das Improvisieren über eine musikalische Vorlage, wie es im Jazz normalerweise gemacht wird, wird erweitert durch das Improvisieren mit dem eigenen Umgang mit dem Instrument, mit der eigenen musikalischen Sozialisation, mit dem Rollenverständnis als instrumentaler Spezialist in einer Gruppensituation – Was darf und will ich als Bassist, als Saxofonist, als Gitarrist in dieser Gruppe spielen? – und geht sicher in solch esoterische und/grundsätzliche Bereiche wie die eigene generelle Körperwahrnehmung und physikalisch-akustische Eigenschaften des Instruments. In der Anfangszeit des Hecks entwickelte sich die Musik unabgesprochen in eine Multistilistik, d.h. wir haben recht viel verschiedene musikalische Stile mit- und nacheinander verarbeitet. Das musikalische Ergebnis klang dann teilweise wie eine atonale Blues-, Jazz-, oder Funk-Jam-Session, manches auch wie französische Spektralmusik. Mit der aktuellen Besetzung zwei Saxe, Bass und Gitarre sind wir nun viel kammermusikalischer, da kann’s auch mal nach Normaler Neuer Musik (wie Dieter Schnebel es mal so schön formuliert hat) klingen.

Das Zurückfallen auf seine eigene musikalische Sozialisation und das eigene Ungenügen kann dabei manchmal frustrierend sein, ebenso ist die Frustration, wenn es mal im Zusammenspiel nicht klappt, viel größer, als wenn man was aus dem Realbook runternudelt. Denn es ist beim Nichtgelingen sofort alles in Frage gestellt: Man kann die Improvisationsvorlage nicht beschuldigen, denn die gibt es ja nicht. Das schlechte Timing eines Einzelnen kann man ebenso nicht bemängeln, denn wer braucht in einer freien Spielsituation jetzt unbedingt eine tighte Time a la Mowtown, man könnte ja auch was Flächiges a la Radiohead spielen. Über die tagesabhängige schlechte Geläufigkeit am Instrument allein kann man auch nicht lamentieren, denn wer verlangt im Zusammenspiel nun Licks a la Charlie Parker oder Joe Satriani. All das kann dazu beitragen, die generelle Grübelei nach dem Sinn seines Tun zu befördern.

Dazu kommt das eigene Gegniedel und Gedudel, also das, was man zuhause so produziert und mit in die Proben bringt. Beim Zuhause-Alleine-Rumdudelnden – das was andere Musiker wohl als Üben bezeichnen würden – ist es wichtig, den Fokus zu weiten und immer nach möglichen Anknüpfungspunkten für die anderen Musiker zu schauen und zwischen eigenem Vermögen und Vorlieben und denen der anderen zu unterscheiden. Und immer wieder gilt es beim eigenen Instrumentalspielen und -üben den inneren Schweinehund zu überwinden und auch mal Sachen zu spielen, die nicht so leicht auf dem Instrument liegen. Ich nutze das auf der Gitarre als Antriebsmoment und spiele teilweise extreme Übergiffe und Pickings, einfach um mal wieder die (nicht sehr weitgesteckten) Grenzen des eigenen Spiels auszuloten. (Manchmal frage ich mich, ob und wie unsere beiden Saxe das machen. Eine halbe Stunde atonale Multiphonics treiben jeden Nachbarn zum Wahnsinn…)

Vielleicht beantwortet das teilweise schon die Frage, was man eigentlich spielt, wenn man frei improvisiert. Im Moment des freien Improvisierens eigentlich alles, was einem durch die Finger läuft, nur sollte das vorher sorgfältig überprüft und ausgesucht sein.

Beim nächsten Mal ein paar Gedanken über das Formproblem. Das wird nicht so theoretisch, wie es klingt: Wir müssen demnächst nämlich ein Set zusammenstellen ;-)

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