Frei improvisieren – Teil 2: Was ist eigentlich ‚frei‘?

von Knut Holtsträter

Wenn man sich überlegt, wie man in der Musikschule oder durch die MusiklehrerIn an seinem Instrument zugerichtet wird, bekommt der Begriff frei schon eine soziale, politische und emanzipatorische Dimension. Die ‚Befreiung‘, nicht nur von musikalischen Schranken, wurde und wird von vielen Musikerinnen und Musikern als emanzipatorisches Moment erkannt. So spielte der US-amerikanische Free Jazz in den 1960ern für viele afroamerikanische MusikerInnen eine wichtige Rolle in der Selbsvergewisserung als eigenständige und vollwertige Individuen, ein Rezeptionsmoment, das sich einem als ‚mitteleuropäisches Weißbrot‘ nur mit viel Einfühlungsleistung erschließt. Aber auch im europäischen Raum finden sich soziale und politische Konnotationen in Verbindung mit freier Improvisation. So sympathisieren viele britische und deutsche MusikerInnen mit linkspolitischem Ideen. Es finden sich in der Szene der Improvisierten Musik (also eher Richtung Neue Musik) auffällig viele Frauen, interessanterweise weniger beim Jazz. Der scheint immer noch eine Jungensbastion zu sein.

Aber auch wenn man sich von den Ideologien und Identifikationsangeboten der sozialen, politischen und ähnlichen Befreiung abkehrt (und die gleichen Klamotten trägt wie seine Eltern ;-), findet sich im kleinen Kreis, vielleicht auch im kleinen Kämmerlein, viel Befreiendes bei der Freien Improvisation, und zwar die Befreiung von der instrumentalen Dressurleistung, der man jahrelang ausgesetzt war: Fast jeder Musikunterricht ist immer defizitorientiert, d.h. es wird einem gesagt, was man auf dem Instrument (noch) nicht kann und es werden alle abweichenden Aktionen, die einem so beim Spielen per Zufall oder Laune am Instrument passieren, als Fehler, als falsch ausgelegt. Diese Kategorie des Falschen gibt es in der freien Improvisation nicht mehr. Natürlich kann man immer noch Grütze spielen, aber das äußert sich darin, dass etwas im musikalischen Zusammenhang und Miteinander nicht ‚funktioniert‘. Das kategoriale Moment ist verschwunden, es hat sich beim Spielen aufgelöst in viele kleine ‚Richtigs‘ und ‚Falschs‘. Jede musikalische Situation erfordert Offenheit und ein Gespür für die Zweckmäßigkeit des eigenen momentanen Spiels. Das ist völlig anders als bei einem Blues- oder Funk-Jam oder bei der Jazz-Session, denn dort gibt es immer den sicheren Hafen der allgemeingültigen Floskeln und Konventionen, die man aber wieder befolgen muss. Wenn man sich auf die Freiheit einlässt, werden auf einmal alle ‚Fehler‘, die man früher als solche erklärt bekommen hat, nun mögliche Anknüpfungspunkte ins musikalische Neuland. Ich darf Jazz-Akkorde nicht mit Folk-Picking und einer bösen Metal-Zerre verknüpfen? Warum nicht, wenn’s in dem Augenblick passt und ein musikalisches Moment einfängt, das mir wichtig ist?

Soweit ein paar Überlegungen zur Freiheit als emanzipatorisches Moment im Sozialen und Instrumentalen. Wie es mit der Freiheit in der Kommunikation mit seinen Mitspielern aussieht, wäre ein neuer Post.