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Space Is the Place: Marshall und Daevid Allen in Paris

Was für eine hanseatische Mischung, Space Jazz trifft auf Space Rock! Und das alles über weite Strecken frei improvisiert! Marshall Allen (Sun Ra Arkestra), David Allen (Gong, Softmachine) und Rogier Smal unter der Titelei „Cinema Soloriens“ und unter der Ägide von James Harrar, am 28. März 2013 in den Instants Chavirés, Paris. Hier ein kleiner Erlebnisbericht.

David Allen, eigentlich jemand, der aus dem Rockbereich kommt, übernahm hier die Sprechperformance. Er tat das mit der einnehmenden Liebenswürdigkeit eines alten Hippie-Kauzes und verstand es den selbstgestellten Anweisungen und Aufforderungen nicht mehr Bedeutung zu schenken als nötig. Ganz große Kunst, sowas so leicht rüberzubringen. Ich kenne seine sonstigen Sachen nicht, aber das war schonmal die halbe Miete an dem Abend, er war sicher der König der Herzen. Sein Gitarrespiel erinnerte mich irritierenderweise irgendwie an mein Gegniedel, oft verzerrt, manchmal ein Hook, wenn mal kein Anschluss zu finden ist erstmal atonal schräddeln, teils rappierend einfache Rock-Lösungen für komplexe Jazz-Probleme. Er hatte ein Switchboard vor sich liegen, dass vermutlich mit einem Multi-Effekt oder mit einer 19-Zoll-Kiste verbunden war. Damit hatte er zwar schnellen Zugriff auf diverse Sounds, aber er konnte nicht mehr nachschrauben. Das machte sich für mich besonders bei Phasen bemerkbar, wo er mit Delay arbeitete, er konnte dann nicht mehr nachregeln oder varieren. Schade, ich denke, er hat sich damit unnötig eingeschränkt, aber vielleicht wollte er auch die Komplexität damit eindämmen.

Folgender Ausschnitt ist relativ am Anfang der der Performance gewesen. M. Allen und Harrar spielen hier ganz gut die Möglichkeiten des Akai-Midi-Controllers durch. Leider ging der Sound oft direkt ohne Hall oder ähnliches in die PA, so dass hier der typische Effekt der Lautsprechermusik stockhausenscher Herkunft eintrat: die Boxen knallten einem alles ohne Erbarmen um die Ohren.

Der andere Held des Abends, Marshall Allen, hätte eigentlich den Auftritt alleine durch seine körperliche Anwesenheit bestreiten können. Er ist Jahrgang 1924, d.h. etwa 89 Jahre alt, hat mit Sun Ra das Universum erkundet und scheint alles, was er anfasst oder beatmet mit Musik zu beleben. Der König Midas des Free Jazz. Nie habe ich so etwas mühelos Musikalisches gesehen. Zu jedem Zeitpunkt des Auftritts schien er konzentriert, anwesend und bereit zur Kommunikation. Er hatte lange Solopassagen mit dem Akai-Controller, die wahrscheinlich jeder andere, auch der anwesende Harrar mit tödlicher Sicherheit zum absoluten Nonsens geführt hätten. Er hingegen spielt das Gerät, als hätte es schon 200 Jahre Instrumentengeschichte hinter sich, als wäre es das normalste der Welt einen Ton über 4 Oktaven schleifen zu lassen. Vermutlich nutzte er das Akai so oft, um Luft zu schonen, bei seinem Alter wohl absolut verständlich. In den wenigen Momenten, in denen er das Altsaxophon spielte, war sein Ton aber wiederum sehr direkt, und alles immer im Tonbereich, der vom menschlichen Schreien besetzt wird. Mit seiner rechten Hand bzw. mit die den unteren Rohrklappen machte dabei nur noch Klangfarbe, die meisten Töne wurden eh nur noch im oberen Rohrbereich erzeugt. Bei all dem Zeug, was er dort abgelassen hat, hatte ich kein einziges Mal das Gefühl, dass er was wiederholen würde.

Der Schlagzeuger Rogier Smal war sicher der Jüngste unter den Vieren. Sein Spiel kann man nicht anders als sympathisch bezeichnen, was sicher auch an seinem Mienenspiel lag und der Art, wie er sich auf die anderen eingelassen hat. Ich fand sein Schlagzeug-Spiel sehr eigen: er war sehr auf Kommunikation aus – vermutlich war er in den meisten Momenten auch der Angelpunkt des Geschehens – und hat viel durchgehenden Groove hineingebracht. Aber an anderen Stellen friemelte er auf einmal an seinem Schlagzeug rum, warf Sachen auf die Snare und wurschtelte an den Becken rum, so als ob er nun auf Neue Musik geschaltet hat. In dem zweiten Video sieht hört man ganz gut, was er den Mitspielern anzubieten hatte – wenngleich er mit dem Gitarrenostinato wohl ein Problem hatte… naja, wer hätte das nicht. Insgesamt sicher ein Schlagzeuger, der schon einige gute Sachen vorgelegt hat bzw. vorlegen wird… ich überlasse Euch das googeln ;-)

James Harrar, der die Cinema Soloriens wohl organisiert und als Kollektiv/Band/Projekt verantwortet, war in diesem Aufgabot an musikalischer Meisterschaft in meinen Augen der Schwachpunkt. Er spielt wie Marshall Allen das Akai und auch Saxophon, rezitierte aber auch Texte, wobei er (absichtlich?) recht falsch sang und ein Distanzproblem mit dem Mikro hatte. Das war teilweise schon recht nervig, ich musste mir manchmal die Ohren zuhalten. Zudem hatte ich das Gefühl, dass seine Saxophonpassagen ein wenig eintönig waren, als ob er einfach reinblies und die Finger laufen ließ… was sich dann in schnellem Gehudel im maximalen Oktavabstand niederschlug. Man kann das ganz gut im zweiten Video nachvollziehen. Das kam mir oft eher gewollt als gekonnt vor, aber mehr kann ich nach diesem Auftritt dazu auch nicht sagen.

Zur Location selber, den Instants Chavirés, lässt sich wohl ein eigener Blog-Eintrag schreiben. Wenn ihr mal in Paris seid, schaut euch dort mal was an. Die Älteren unter uns sollten ein bisschen früher kommen, können sich vor dem Schuppen die Fachgespräche der Gäste anhören und werden dann mit einem Sitzplatz belohnt. (Wie bei allen Events in Paris, egal welchen Genres, lohnt es sich die Karten per Internet vorzubestellen.) Es gibt eine Theke, die auch während des Auftritts ausschenkt. Die Location selber liegt in einem Wohngebiet in Montreuil, Nähe Metro Robespierre, da kann man auch noch um Mitternacht rumlaufen. Für jeden Hanseaten ein Pflichttermin, wenn man in Paris ist. Hier die für französische Verhältnisse wirklich sehr aufgräumte Internetseite: http://www.instantschavires.com/

Mensch, war das geil! Warum gibt es sowas in Bayreuth nicht? :)

Wie lange kann man am Stück improvisieren?

Diese Frage habe ich mir in der Rückschau auf die Hansestadt-Performance bei Campus-Kandinsky gestellt. Wir waren als Trio (Andi, Matthias zum ersten Mal und ich) eigentlich für eine halbe bis dreiviertel Stunde eingeplant, und das fühlte sich von den Absprachen und Erfahrungen aus der Klangwerkstatt auch ganz gut an. Aber dann wurde nichts aus dem darauffolgenden Auftritt des Blauen Elefanten (Thaddl, Felix, Andi zum ersten Mal beim BE und ich), weil die für uns sichtbare Zusschauermenge nicht die kritische Masse für die theatrale Performance überschritt. Der Elefant ist ja eher was Durchstrukturiertes, auf Frontalwirkung ausgerichtetes Ding, kein entrücktes Gegniedel, sondern vorne an die Rampe treten und draufhauen. Das ergab sich bei den vereinzelten Vernissage-Schlenderern irgendwie nicht. Deswegen haben wir einfach das Trio weitergeführt, noch Felix und Thaddl beigeholt und insgesamt viereinhalb Stunden gespielt.

Das war schon schön, hier ein kleines Hörbeispiel, endlich mal auch mit Thaddäus im typischen Gniedel-Kontext der Hansestadt. Man beachte die Textcollage :)

Das war aber nicht unbedingt typisch für die lange Spielzeit, wir haben viel instrumentale Flächen erzeugt.

Zugegebenermaßen war ich nach dem Auftritt komplett kaputt, das feuchtkalte Klima in den Katakomben und der lange Aufenthalt dort war ein echter Schlauch. Die Frage, die sich mir nach dem Auftritt stellte, war: Wie konnten wir es trotz der widrigen Umstände hinbekommen, so lange zu spielen, ohne dass es für uns langweilig oder unerträglich wurde? (Für die Zuhörer kann ich ja nicht sprechen, deswegen können wir sie ruhig ausblenden.) Das Interessante – das war schon während der Performance zu beobachten – war, dass wir bei diesem langen Zeitraum keine Sorge haben brauchten, dass einer von uns nicht zu Wort kommt. Umgekehrt konnte jeder sich einen kleinen Ego-Ausflug leisten, und die anderen konnten das beobachten und mit dem Publikum kommentieren, sich ein Bier holen, durch die Ausstellung laufen, fachsimpeln und versuchen der Reporterin vom Nordbayrischen Kurier einen brauchbaren Text in den Block zu diktieren.

Das tatsächliche Musizieren wurde dabei zu etwas, das nicht durchgehend die komplette Aufmerksamkeit beanspruchte. Die Immersion oder der Flow, das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das sich beim Improvisieren einstellt, konnte uns in Wellen erreichen. Dabei waren diese Wellenberge und -täler der Immersion immer individuell: Wenn Matthias sich total in seinen Akkorden auflöste, konnte ich über die Schrottigkeit meines Ringmodulators nachdenken. Derweil sich Andi wahrscheinlich durch seine Soundbanks klickte und Felix versuchte, dem Gestotter meines Ringmods einen musikalischen Sinn abzutrotzen. Die Tatsache, dass dieses Auf und Ab der Aufmerksamkeiten als Ganzes funktioniert, hat sicher mit der Anzahl der Beteiligten zu tun. Wenn 10 Leute zusammen improvisieren, würden sich die vielen Wellenbewegungen nivellieren und es wahrscheinlich eher ein kontinuierliches Kabbelwasser geben. Wenn nur zwei Musiker diese Wellen erzeugen würden, würde es manchmal starke Interferenzen geben, aber manchmal vielleicht auch garnichts. Die Zahl Vier (Andi, Felix, Matthias und ich) hat sich bei diesem Setup mal wieder als die perfekte Verursachermenge des gegenseitigen Hochschaukelns und Abwiegelns erwiesen. (Thaddäus fällt als Sprecher ein bisschen heraus, und sei es nur, weil der Träger einer sprechenden oder singenden (Live-)Stimme immer als ‚Vorne‘ besetzt wird, und die anderen als ‚Hinten‘. Wir haben dieses Prinzip in obigem Beispiel manchmal in jenen Momenten ausgehebelt, in denen Thaddls Stimme über Felix‘ Schranzmaschinen zerstört werden – ein Effekt, der mich schwer beindruckt hat: Das akustische Sprechereignis klang wie durch den Schredder, aber der Sprecher stand leibhaftig und unbeschadet vor mir.)

Wir planen für die Erlanger Klangkunst-Tage ein Set von acht Stunden. Das ursprüngliche Konzept ging noch von 24 Stunden aus, aber das war von den Räumlichkeiten her (Schließdienst usw.) nicht machbar. Und für Juni in Bayreuth eine Performance von maximal 8 Stunden im Gespräch. Ich bin sehr gespannt, ob das nochmals so gut funktioniert, oder ob es der besondere Ort war, der uns so mitgenommen und mitgezogen hat.

CampusKandinsky in Maisels Katakomben

Meine Güte, in so einer Location aufzuspielen war ein einzigartiges Erlebnis. Anlässlich der CampusKandinsky-Ausstellung in Maisels Brauerei-Katakomben, ca. 7 Meter tief unter der Erde, durfte die Hansestadt zur Vernissage aufspielen. Angekündigt wurde, how quaint: „Musik: Der blaue Elefant“. Aber es kam alles anders, der kurz vorherzusammengestellte Support, bestehend aus Andi, Matthias und mir, spielte statt einer dreiviertel Stunde einfach viereinhalb Stunden und die andere Hälfte des Blauen Elefanten, Felix und Thaddäus, gesellte sich dazu.

Musikalisch ging die Klangreise durch alle Genres, die bislang in der Klangwerkstatt durchgehechelt wurden, und es gab auch ein paar Einblicke auf Neues, bislang Ungehörtes. Performativ waren die Hanseaten mit Grablicht, Einkaufswagen-Klangscooter und zu Bett gelegter Hertiecaster mal wieder an der Speerspitze der Bayreuther Kunst-Avantgarde. Wie immer alles improvisiert und nichts vorher abgesprochen.

Die Katakomben waren akustisch ein Traum, die Klänge waren bis in die hintersten Ecken zu hören und wurden mit zunehmender Entfernung gar nicht leiser, sondern nur ein wenig weicher. Hoffentlich lässt sich die Brauerei bald wieder zu so einer Veranstaltung überreden.

Dem CampusKandinsky-Team an dieser Stelle noch mal ein dickes Dankeschön für die Möglichkeit, dort zu spielen.

Die Ausstellung geht noch bis Sonntag, zur Finissage-Party, also alle hin und Freunde mitbringen.

Hier noch ein paar Impressionen von Matthias‘ Webcam, die einen Eindruck von der Performance geben.

Und hier ein Video von der gesamten Ausstellung… die Musik ist nicht von uns ;-)