Wellenbecken

Komm schnell, die Wellen gehen gleich los…

Tag: Performance

Das Afrofuturistische Manifest und wie es dazu kam, Teil II

by Knut Holtsträter

Statt Spielbesprechung nun der Mitschnitt des Abends, inklusive Ansage und Zugabe.

 

Ansage von Fabian Lehmann, IWALEWA-Haus:

 

AKT I, Nr. 1: (Die Weltraumaus) Die Rakete startet

 

Nr. 2: Sternenglimmer:

 

Nr.3: Wir schreiben das Jahr 3014 / AKT II, Nr. 4: Karlheinz Böhm ist tot

 

Nr. 5: Sun Ra I. aka Nr. 6: Wir rufen die Erde

 

AKT III, Nr. 7: Die eingefrorene Braut

 

Nr. 8: Jenseits von Bottrop

 

Pause und AKT IV, Nr. 9: Ankunft

 

Nr. 10: Operndorf-Arkestra

 

Nr. 11: Intermezzo und Marsch

 

AKT V, Nr. 12: Unterzeichnung

 

Nr. 13: Happy Ende

 

Nr. 14: Nachwort der Presse

 

Zugabe des Abends: Drunken in Africa

 

Aktiv beteiligt waren an dem Abend:

Andreas Gohlke: Laptop, Synthesizer, Singende Säge

Johannes Greber: Schlagzeug, Percussion

Knut Holtsträter: Gitarren, Mundharmonikas, Tuba, Stimme

Natalia Igl: Gitarre, Papier, Stimme, Performance

Nora NiethammerK: unstblut, Schokopudding, Performance

Felix Schrade: Saxophone, Elektronik, Effekte

Andi Vogel: Lichtprojektion

Anja Zeilinger: Percussion, Stimme, Performance

Texte und Musik: Hansestadt Bayreuth

Konzept und Abendspielleitung aus meiner Hand.

 

Ein dritter Teil folgt sicher noch.

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Wagner-Drohne in der Sübkültür am 23.7.2013

by Knut Holtsträter

P1030713Jetzt haben wir Andis Drohnen-Idee, nachdem sie andernorts von den Veranstaltern zensiert wurde, nun doch über die Bühne gebracht. Anlass dafür war die (u.a. vom Bayreuther Stadtschreiber Volker Strübing *namedrop* ins Leben gerufene und über einen Verein fundierte) Sübkültür-Reihe in der Galerie des Forum Phoinix. Die Sübkültürellen kamen auf uns zu, weil sie Wundersames von uns gehört hatten. Und ich wollte eh mal die Phoinix-Leute kennenlernen, dazu im Doppelpack noch den neuen Sübkültürlern und dem Herrn Strübing, der übrigens auch ein richtig guter SF-Autor ist, die Hand schütteln. Mit der endgültigen Drohnenablieferung also ein guter Grund, den netzwerkerischen Triplekick zu tätigen, zumal uns im Vorfeld gesagt wurde, dass — zwei Tage vor den Merkelfestspielen  — auch vielleicht der ein oder andere überregional agierende Journalist dazustoßen könnte. Letzteres hat sich leider nicht bewahrheitet — was hätte da Feuilleton-Prosa entstehen können? –, dafür war für unsere Verhältnisse fantastisch viel Publikum zugegen. Oder genauer gesagt: Die Bude war rappelvoll. Oder noch genauer: Alles Publikum, das uns bislang irgendwo gehört hat, zusammengerechnet und dann noch eine Handvoll drauf, und man hätte die Zahl erreicht, die nun an diesem Abend zugegegen war. Nicht nur diesbezüglich wurde es ein Abend der Superlative.

Aber nun alles nacheinander: Nach der nicht ganz geglückten Performance-Situation auf dem „Campus erleben“ drei Tage vorher war mir (und den anderen wohl auch) klar, dass die Sübkültür am 23. Juli voll auf die Zwölf hauen sollte. Wir hatten sogar das Event kurze Zeit mit „ab 18“ deklariert, letztlich ist uns aber nichts richtig Jugendgefährdendes eingefallen, bei dem wir uns alle nicht total blamiert hätten, deswegen hat sich die Idee bis zum Abend wieder ausgeschlichen.

Zum ersten Mal war geplant, die Sache als ein richtiges Konzert (mit festen Zeiten, evtl. Stückeinteilungen, und Pause) anzugehen, damit das Publikum weiß, wann es klatschen darf bzw. gehen und wann nicht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Unklarheiten diesbezüglich für alle Beteiligten ziemlich frustrierend sein kann.

DrohneAuch wollten wir die Sache ursprünglich mit vier Leuten angehen, aber auch das erledigte sich drei Tage vorher. Naja… dann halt mit dreien, Thaddäus, Andi und mir. Das gab der Sache wiederum eine Drift Richtung verquaster Performance, alberner Verkleidung und sinnentleerter Atonalität, also all die Sachen, die man so spontan macht, und die einen später normalerweise beim Nachhören der Mitschnitte mitunter zum Haareraufen/Mitgrölen/Lachkrampfen bringen.

Die Saat war also gesetzt, jetzt musste der Boden nur noch getränkt werden. Auch hier erwies sich Sübkültür als optimal, denn welcher Veranstalter, bitteschön, fragt schon im Vornherein bei den Künstlern spezielle Getränkewünsche ab? Insofern frisch gestärkt, innerhalb der letzten Vorbereitungsstunde mit den Jungs entschieden, wie und in welche Richtung wir die Räumlichkeiten bespielen, den guten alten Blaumann angezogen, die Gitarren und mehrere autarke Planen in den diversen Räumlichkeiten verteilt, die Tretminen ausgeteilt und scharfgestellt, den Kassettenrekorder mit Daliah Lavi bestückt, die Bildzeitung auf den Plätzen verteilt, mit dem schon eintrudelnden Publikum über Kunst gefaselt, schnell noch ne Installation aus Vorgefundenem (einem weiblichen Schaufenster-Puppen-Torso, einer Halbliterflasche Apfelschorle und einem 8mm-Filmprojektor) gezaubert, das Ensemble per Zettel auf „Apfelschorle-Pumpe/Pipi-Sinfonie“ getauft, die im Flur durchhängende Malerfolie als autarke Plane identifiziert und auf „Bück Dich für die Kunst“ getauft, zwischendurch gemerkt, dass Studentinnen von mir im Publikum sind — Performance-Modus! Nichts ist peinlich! — und dann endlich um halb neun, nach einigem Genoise und Geschwurbel füllten sich die Räume mit Publikum. Und wir drei Maskierten sitzen da in diesem Ladenlokal in einem Raum voller Leute und wissen wie immer nicht, was wir da gleich tun werden… Yay!

Apfelschorle-Pumpe/Pipi-SinfonieUm das Konzert aufs Subjektivste zusammenzufassen: Ich hatte mir eigentlich mehr Griffbrettgefrickel überlegt, irgendwie hat es mich dann doch mehr zu den Knöpfen hingezogen. Vielleicht lag es an Andis flächigen Sounds und generell an dem Umstand, dass Sprechen und flächige Ambient-Sounds, bei denen weniger passiert, sich ja besser vertragen, als ereignisdichtes Gefrickel. Wenn Thaddl redet, dann wollte ich ihm ja nicht mit meiner „Klangrede“ in die Parade fahren. Deswegen war es doch alles sehr minimal angelegt. In dem Mitschnitt hört man auch recht viele Leerstrecken, in denen fast nichts passiert. Die Leute scheint es aber mitgenommen zu haben, wir hielten wohl die Spannung und erst am Ende der Sets wurde geklatscht (dann aber richtig). Insgesamt ist das Klangresultat auch ziemlich düster ausgefallen, was nicht nur daran lag, dass es halt atonaler Krach war, sondern die von Thaddl rezitierten Texte und den vielen Zitaten, die Andi als Samples einstreute, eher auf der dunkleren Seite lagen. Es ging schließlich um die Wagner-Drohne.

Vom Gefühl her (nach den Tutti-Sachen in Nürnberg, Erlangen und Campus erleben) war es ein richtiges Konzert und hat uns im Positiven aufgezeigt, was vielleicht bei den anderen Auftritten nicht so gut gelaufen ist.

Space Is the Place: Marshall und Daevid Allen in Paris

by Knut Holtsträter

Was für eine hanseatische Mischung, Space Jazz trifft auf Space Rock! Und das alles über weite Strecken frei improvisiert! Marshall Allen (Sun Ra Arkestra), David Allen (Gong, Softmachine) und Rogier Smal unter der Titelei „Cinema Soloriens“ und unter der Ägide von James Harrar, am 28. März 2013 in den Instants Chavirés, Paris. Hier ein kleiner Erlebnisbericht.

David Allen, eigentlich jemand, der aus dem Rockbereich kommt, übernahm hier die Sprechperformance. Er tat das mit der einnehmenden Liebenswürdigkeit eines alten Hippie-Kauzes und verstand es den selbstgestellten Anweisungen und Aufforderungen nicht mehr Bedeutung zu schenken als nötig. Ganz große Kunst, sowas so leicht rüberzubringen. Ich kenne seine sonstigen Sachen nicht, aber das war schonmal die halbe Miete an dem Abend, er war sicher der König der Herzen. Sein Gitarrespiel erinnerte mich irritierenderweise irgendwie an mein Gegniedel, oft verzerrt, manchmal ein Hook, wenn mal kein Anschluss zu finden ist erstmal atonal schräddeln, teils rappierend einfache Rock-Lösungen für komplexe Jazz-Probleme. Er hatte ein Switchboard vor sich liegen, dass vermutlich mit einem Multi-Effekt oder mit einer 19-Zoll-Kiste verbunden war. Damit hatte er zwar schnellen Zugriff auf diverse Sounds, aber er konnte nicht mehr nachschrauben. Das machte sich für mich besonders bei Phasen bemerkbar, wo er mit Delay arbeitete, er konnte dann nicht mehr nachregeln oder varieren. Schade, ich denke, er hat sich damit unnötig eingeschränkt, aber vielleicht wollte er auch die Komplexität damit eindämmen.

Folgender Ausschnitt ist relativ am Anfang der der Performance gewesen. M. Allen und Harrar spielen hier ganz gut die Möglichkeiten des Akai-Midi-Controllers durch. Leider ging der Sound oft direkt ohne Hall oder ähnliches in die PA, so dass hier der typische Effekt der Lautsprechermusik stockhausenscher Herkunft eintrat: die Boxen knallten einem alles ohne Erbarmen um die Ohren.

Der andere Held des Abends, Marshall Allen, hätte eigentlich den Auftritt alleine durch seine körperliche Anwesenheit bestreiten können. Er ist Jahrgang 1924, d.h. etwa 89 Jahre alt, hat mit Sun Ra das Universum erkundet und scheint alles, was er anfasst oder beatmet mit Musik zu beleben. Der König Midas des Free Jazz. Nie habe ich so etwas mühelos Musikalisches gesehen. Zu jedem Zeitpunkt des Auftritts schien er konzentriert, anwesend und bereit zur Kommunikation. Er hatte lange Solopassagen mit dem Akai-Controller, die wahrscheinlich jeder andere, auch der anwesende Harrar mit tödlicher Sicherheit zum absoluten Nonsens geführt hätten. Er hingegen spielt das Gerät, als hätte es schon 200 Jahre Instrumentengeschichte hinter sich, als wäre es das normalste der Welt einen Ton über 4 Oktaven schleifen zu lassen. Vermutlich nutzte er das Akai so oft, um Luft zu schonen, bei seinem Alter wohl absolut verständlich. In den wenigen Momenten, in denen er das Altsaxophon spielte, war sein Ton aber wiederum sehr direkt, und alles immer im Tonbereich, der vom menschlichen Schreien besetzt wird. Mit seiner rechten Hand bzw. mit die den unteren Rohrklappen machte dabei nur noch Klangfarbe, die meisten Töne wurden eh nur noch im oberen Rohrbereich erzeugt. Bei all dem Zeug, was er dort abgelassen hat, hatte ich kein einziges Mal das Gefühl, dass er was wiederholen würde.

Der Schlagzeuger Rogier Smal war sicher der Jüngste unter den Vieren. Sein Spiel kann man nicht anders als sympathisch bezeichnen, was sicher auch an seinem Mienenspiel lag und der Art, wie er sich auf die anderen eingelassen hat. Ich fand sein Schlagzeug-Spiel sehr eigen: er war sehr auf Kommunikation aus – vermutlich war er in den meisten Momenten auch der Angelpunkt des Geschehens – und hat viel durchgehenden Groove hineingebracht. Aber an anderen Stellen friemelte er auf einmal an seinem Schlagzeug rum, warf Sachen auf die Snare und wurschtelte an den Becken rum, so als ob er nun auf Neue Musik geschaltet hat. In dem zweiten Video sieht hört man ganz gut, was er den Mitspielern anzubieten hatte – wenngleich er mit dem Gitarrenostinato wohl ein Problem hatte… naja, wer hätte das nicht. Insgesamt sicher ein Schlagzeuger, der schon einige gute Sachen vorgelegt hat bzw. vorlegen wird… ich überlasse Euch das googeln ;-)

James Harrar, der die Cinema Soloriens wohl organisiert und als Kollektiv/Band/Projekt verantwortet, war in diesem Aufgabot an musikalischer Meisterschaft in meinen Augen der Schwachpunkt. Er spielt wie Marshall Allen das Akai und auch Saxophon, rezitierte aber auch Texte, wobei er (absichtlich?) recht falsch sang und ein Distanzproblem mit dem Mikro hatte. Das war teilweise schon recht nervig, ich musste mir manchmal die Ohren zuhalten. Zudem hatte ich das Gefühl, dass seine Saxophonpassagen ein wenig eintönig waren, als ob er einfach reinblies und die Finger laufen ließ… was sich dann in schnellem Gehudel im maximalen Oktavabstand niederschlug. Man kann das ganz gut im zweiten Video nachvollziehen. Das kam mir oft eher gewollt als gekonnt vor, aber mehr kann ich nach diesem Auftritt dazu auch nicht sagen.

Zur Location selber, den Instants Chavirés, lässt sich wohl ein eigener Blog-Eintrag schreiben. Wenn ihr mal in Paris seid, schaut euch dort mal was an. Die Älteren unter uns sollten ein bisschen früher kommen, können sich vor dem Schuppen die Fachgespräche der Gäste anhören und werden dann mit einem Sitzplatz belohnt. (Wie bei allen Events in Paris, egal welchen Genres, lohnt es sich die Karten per Internet vorzubestellen.) Es gibt eine Theke, die auch während des Auftritts ausschenkt. Die Location selber liegt in einem Wohngebiet in Montreuil, Nähe Metro Robespierre, da kann man auch noch um Mitternacht rumlaufen. Für jeden Hanseaten ein Pflichttermin, wenn man in Paris ist. Hier die für französische Verhältnisse wirklich sehr aufgräumte Internetseite: http://www.instantschavires.com/

Mensch, war das geil! Warum gibt es sowas in Bayreuth nicht? :)

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